Mensch – Pferd – Vertrauen

 

So ein Kaltblut ist schon was Feines. Ein Sofa auf 4 Beinen sozusagen. Zwar nur mit einem Gang ausgestattet, aber dafür eine lange Laufleistung garantiert. Durch nix aus der Ruhe zu bringen und wenn nicht mit Fressen, dann mit Dösen beschäftigt. Das geht auch während der Arbeit problemlos, also das Fressen und das Dösen. Was andere machen ist ihm scheissegal und schlauerweise wird die Energie gespart wo man nur kann. Klug sind sie ja unsere Grossen.

 

Nein, dies soll keine der bereits unzähligen im Netz befindlichen Gegendarstellungen werden. Denn liebe Leute: Es ist so! Auch wenn ich einen zugegebenen Maassen ungewöhnlich ängstlichen Shire erwischt habe, sind sie trotzdem niemals so hibbelig wie ein Warmblut. Sie zappeln nicht so hektisch rum, sie beruhigen sich meistens viel schneller wieder, sie fressen für ihr Leben gern und auch wenn sie einen flotten Trab und wunderbaren Galopp zeigen können, sind sie doch am liebsten im Schritt unterwegs. Letzteres gilt übrigens für jedes Pferd, egal welche Rasse... das nennt sich Überlebensstrategie. In freier Wildbahn schont das kluge Tier seine Ressourcen so gut es geht um sie bei Gefahr blitzschnell abrufen zu können.  

 

Nur ist der Teil mit blitzschnell eher schwierig wenn man 800kg und mehr auf einen Schlag bewegen soll. Der berühmte Trägheitsmoment (Physik war mein Lieblingsfach in der Schule) kommt da voll zum Tragen. Eigentlich erstaunlich dass unsere Dicken überhaupt in der Lage sind sich zu erschrecken *gg*.

 

Was soll also dieses „Kaltblut, Warmblut, Vollblut“-Gedöns überhaupt? Wir alle haben Pferde... Oder Esel, Maultiere, Maulesel, Zebras.. Anders ausgedrückt: Wir alle haben ein Fluchttier im Stall stehen. Dem gilt Rechnung zu tragen. Ich kann für meinen Teil behaupten dass ich jedoch recht froh bin dass Supreme sich mehr Zeit lässt beim Erschrecken, Ängstlich sein, „davon hüpfen wollen“ als die meisten unserer Stallkollegen. Er guckt, macht grosse „oh Gott Mama guck mal!!!!“-Augen, plustert sich zu einem Elefanten auf und wartet erstmal ab was sein Mensch macht. Wenn ich dann nicht reagiere und ihm so zeige „is gut Digger, stell dich nicht so an“ dann trottet er schnell wieder entspannt neben mir her. Alternativ lasse ich ihn auch mit der Nase auf den „gefährlichen“ Gegenstand stupfen. Wenn er das macht, gibt es natürlich gleich einen Kecks. Das wiederum hat bei ihm einen witzigen Automatismus ausgelöst. Wir waren im Wald spazieren. Der Wind plusterte die Plastik-Abdeckung auf einem Holzstoss lustig auf. Dies quittierte er natürlich mit seinem „Oh-Gott“-Blick, gefolgt von einem „oh-shit-jetzt-muss-ich-mit-meiner-Nase-drauf“-Blick, gefolgt vom erwähnten Nase-drauf-halten und dem „jetzt-will-ich-aber-einen-Kecks-für-meinen-Mut“-Blick. Das ganze ohne mein Zutun, ich stand nur daneben und beobachtete das Schauspiel welches sich innert Sekunden abspielte. Notiz an mich selber: Kecks-Konsum einschränken.

 

Die Menschenbezogenheit welche er zeigt ist wirklich erstaunlich und beobachtete ich bei vielen Shire-Horse bzw. Kaltbültern. Ob das wirklich mit der Rasse zusammen hängt oder ob wir Kalti-Liebhaber einfach unsere Pferde so sehr betüdeln dass dies automatisch kommt, vermag ich nicht zu sagen. Etwas durchgeknallt und verrückt muss man ja schon sein um sich so ein Pferd zu kaufen. Das behaupten jedenfalls meine Stallkollegen. Ich für meinen Teil kann nicht verstehen dass jemand was anderes möchte. Aber ich schweife ab.

 

Gestern hüpften Supreme und ich durch die Reithalle und spielten etwas Fangen mit dem grossen Ball. Das mag er sehr und ist jeweils am Ende einer Arbeitseinheit eine willkommene Abwechslung für ihn und mich. Wir können so Beide noch etwas entspannen, fröhlich sein und spielen. Dabei wurden wir von einer Reitkollegin beobachtet die ungläubig frage: „wie hast du ihm das beigebracht?“. Gar nicht, war meine Antwort. Ich habe lediglich sein natürliches Verhalten welches er von sich aus zeigte ausgenutzt und unterstützt. Das führt meistens schneller zum Ziel als stur an ein Lehrbuch haltend etwas erzwingen zu wollen.

 

Ausserdem profivierte ich von der 9-Monatigen Ausbildung die Supreme genossen hat. Er lernte bei Berni und danach bei Daniela dass der Mensch Sicherheit bedeutet und dass er sich immer auf den Menschen verlassen kann.

 

Als eine Bekannte erwähnte wie toll es sei dass er mir so vertraue und hinter mir her laufen würde, entstand dieser Dialog:

 

„So süss, er läuft dir wie ein Hund hinterer“

 

„Macht er bei allen, hat nix mit mir zu tun. Das hat er gelernt, aber schön ist es trotzdem, das stimmt“

 

„Oh, stört dich das nicht? Er sollte doch auf dich fixiert sein“

 

„Nicht wirklich, ich habe viel Geld dafür bezahlt dass er das genau nicht ist und wird: auf eine Person fixiert. Er sollte den Menschen allgemein als Sicherheitspool sehen und das tut er jetzt“

 

„Aber du hast ihn doch schon fast 10 Monate, da habt ihr sicher eine enge Bindung aufgebaut. Das sieht man doch“

 

„Er weiss ja nicht das ich seine Rechnungen bezahle und er weiss zum Glück nicht dass ich der Grund bin dass er nicht mehr in England auf der Weide steht. Warum sollte er eine Bindung zu mir haben? Ich bin total vernarrt in ihn, aber er findet mich hauptsächlich als Kecks-Lieferanten toll.“

 

„Aber du bist seine Besitzerin!!“

 

„Ja stimmt, aber das weiss er nicht. Er weiss nicht mal dass ihn jemand gekauft hat oder was Besitztum ist.“

 

Usw. usw.

 

Immer wieder begegnen mir Reiter die stolz darauf sind dass ihre Pferde nur bei ihnen so toll laufen (meist stimmt das zum Glück nicht), oder dass ihre Tiere nur bei ihnen brav angetrabt kommen, sie nur bei ihnen still stehen, nur bei ihnen reitbar sind usw. usw. Ganz ehrlich? Ich bin stolz darauf dass Supreme zu jedem Menschen Vertrauen hat. Ich bin stolz darauf dass er noch immer lieber mit anderen Pferden auf der Weide ist als mit mir im Padock. Ich bin stolz dass er sich von jedem anfassen, handeln und führen lässt. Ich bin total froh dass ihn niemand von der Weide holen muss sondern es reicht seinen Namen zu rufen und er kommt. Egal von wem.

 

Für alle diese Dinge habe ich extrem viel Geld bezahlt, lange 9 Monate Ausbildung abwarten müssen, auf vieles Verzichtet. Dafür habe ich jetzt ein entspanntes Pferd das Freude an der Arbeit hat und es mir auch verzeiht wenn ich mal etwas schwerer von Begriff bin als er. Mit ganz viel Glück wird er mich eines Tages auch mal annähernd so sehr mögen wie ich ihn liebe. Für die Keckse in meiner Tasche stimmt das auf jeden Fall schon mal.

Tiefenentspannter Angsthase....

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Kommentare: 1
  • #1

    Ramona (Donnerstag, 20 Oktober 2016 15:03)

    Darauf kannst Du auch stolz sein und es ist viel schöner ein ausgeglichenes Pferd zu haben