Putzen ist mehr als Fellpflege

 

Immer wieder lese ich von Reitern dass sie ihr Pferd in 10 Minuten geputzt und gesattelt haben. Manchmal artet dies in einen regelrechten Wettbewerb „wer ist schneller“ aus. Dazu möchte ich ein paar Anregungen geben:

 

Stellt euch vor, ihr sitzt den ganzen Tag auf dem Sofa rum, döst etwas im Garten und knabbert genüsslich an einem Snack. Plötzlich und unerwartet stürmt jemand in eure Wohnung, wirft euch Schuhe und Jacke hin, zieht euch eine Kappe über den Kopf und zerrt euch raus zu einen Waldlauf. Dieser wird in Rekordzeit absolviert, dazwischen gespickt mit Zurufen man solle mal etwas in die Gänge kommen, nur um euch danach wieder in die Wohnung zu sperren. Die Jacke und die Schuhe auszuziehen und noch ein paar Leckereien hin zu schmeissen ist dabei das höchste der Gefühle. Evtl. und wenn ihr viel Glück habt gibt’s noch ein paar nette Worte.

 

Wäre es nicht viel schöner wenn man erst mal begrüsst werden würde? Wenn man gefragt würde wie der Tag war und ob man überhaupt körperlich und psychisch in der Lage ist heute einen Waldlauf zu absolvieren?

 

Putzen ist so viel mehr als die pure Reinigung des Pferdes. Die korrekte Massage der Hals/Rückenmuskeln (welche auch beim Putzen angewendet werden kann)  lockert diese auf und ermöglicht es dem Reiter das Pferd danach an der Hand und unter dem Sattel leichter zu Biegen und in Stellung zu bringen. Es bereitet das Mensch/Pferd-Duo auf die Arbeit im Dressurviereck vor.

 

Weiter können wir beim Putzen Irritationen der Haut und des Felles sehen und erkennen. Hat mein Pferd kleinere Blessuren? Sind die Hufe und Gelenke normal temperiert? Sind die Augen klar, die Nüstern frei? Haben sich ungebetene Untermieter (Kribbelmücken? Flöhe? Zecken? usw.) eingenistet?

 

Wie ist der psychische Zustand meines Tieres? Begrüsst es mich freundlich und aufmerksam? Dreht es den Kopf zu mir wenn ich komme oder schaut es weg? Ist es zappeliger als sonst?

 

Ich habe einen sehr kopflastigen und anstrengenden Beruf. Es geht hoch her und ich muss oft schnell reagieren. Ich stehe den ganzen Tag unter Strom. In dieser Stimmung den Stall zu betreten hätte wohl zur Folge dass ich im hohen Bogen auf der Erde landen würde beim Versuch zu Reiten. Wenn ich in den Stall komme, atme ich also bewusst vor dem Tor erst 10 Mal tief ein und aus. Danach gehe ich rein und begrüsse mein Tier mit einem freundlichen Zuruf. Ich stehe zu ihm hin und lasse ihn schnuppern, auf mich zu kommen. Erst danach streichle ich ihn ein wenig. So runter gefahren hole ich das Putzzeug und mein Pferd. Als erstes streiche ich dann über seinen ganzen Körper, massiere die Muskulatur ein wenig und achte dabei genau auf seine Reaktionen. Zeigt er bei einer Stelle Unwohlsein? Mag er heute besonders gerne wo gekratzt werden? Schaut er freundlich/offen? Wie sehen die Augen aus? Die Gelenke? Hat er neue Blessuren?

 

Mit ruhigen und gleichmässigen Bewegungen beginne ich dann mein Pferd zu striegeln, die Haare an den Beinen zu pflegen, Oel einzureiben (braucht meiner als Mauke-Prophylaxe). Die Hufe werden ausgekratzt und bitte (!) das Bein danach nicht einfach fallen lassen sondern wieder sanft auf die Erde stellen. Das Material welches ich benötige inspiziere ich nochmals genau bevor ich es auf mein Pferd packe. So vorbereitet sind wir beide körperlich und psychisch bereit uns in eine neue und schöne Arbeitsstunde, einen tollen Ausritt oder eine spannende Bodenarbeitslektion zu stürzen. Was genau gemacht wird, entscheidet bei uns kein Tagesplan sondern die Tagesform von Supreme und mir.

 

Oft höre ich von anderen Reitern dass ihr Pferd das Putzen blöd findet. Das mag bei einigen wenigen wirklich der Fall sein, bei den Meisten bedeutet Putzen einfach nur Stress. Sie haben gelernt dass die Putzbox Hektik bedeutet und reagieren entsprechend unwillig darauf. Viele Pferde kennen keine sanfte Begrüssung, sondern werden gleich mit hektischer Aktivität überfallen. Wir haben bei uns auch so einen Fall im Stall. Eine sehr liebe Besitzerin aber leider total hektisch. Sobald man sich dem Wallach mit den einschlägigen Utensilien nähert, schnappt er in die Luft, legt die Ohren an, zeigt grossen Unwillen. Also habe ich mich einfach nur zu ihm hin gestellt und die Hand auf den Hals gelegt. Nach sicher 10 Minuten (die können extrem lang sein J) hat er runter gefahren und war bereit mir zuzuhören. Erst dann begann ich mit sanften Kreisbewegungen den Hals und die Schulter zu massieren. Er entspannte zusehends und sein Stressgesicht wich immer mehr einem zufriedenen. Das Putzen und Satteln war danach kein Problem mehr und die Reiterin war erstaunt wie locker ihr Pferd an diesem Tag war.

 

Mein Appell an alle Reiter da draussen ist somit: Gönnt euren Tieren eine angemessene Zeit um sich auf die Arbeit mit euch vorzubereiten. Überfallt eure Tiere nicht und lasst ihnen den Raum um sich auf die kommende Lektion einzustellen. Nützt das Putzen für die Stärkung eurer Bindung und lernt es zu geniessen wie auch eure Tiere lernen können dabei zu entspannen. Es ist wunderschön wenn man freudig begrüsst wird, es ist toll wenn der Pferdekopf auf einen zu kommt und sich nicht weg dreht beim Anblick einer Bürste. Es ist nicht zuletzt auch für meine eigene Psyche wunderbar dieses sanfte, warme und starke Wesen Pferd bewusst zu ertasten und zu fühlen.

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